Experten-Interview Almirall Hermal

almirallAlmirall ist das größte Pharmaunternehmen Spaniens und bereits seit 2003 auch in Deutschland aktiv. Ingo Rütten vom Blog Marca España interviewte Farid Taha, Geschäftsführer der Almirall Hermal GmbH für das Magazin “economía” der Deutschen Handelskammer für Spanien über die Unterschiede des Deutschen und Spanischen Gesundheitsmarktes, internationale Forschung und Entwicklung und die Expansionsstrategien des Unternehmens: „Wenn die Patienten mit unseren Innovationen zufrieden sind, sind wir zufrieden, denn: Unser Ziel ist die Entwicklung erfolgreicher Behandlungskonzepte, die die Lebensqualität von Patienten verbessern.”

Ingo Rütten: Almirall ist das wichtigste Pharma-Unternehmen in Spanien. Worauf ist Ihr Unternehmen spezialisiert?

Farid Taha: Almirall ist in vier Geschäftsfeldern aktiv: Pneumologie, Dermatologie, Gastroenterologie und Schmerzbehandlung. Wir sind ein Pharmaunternehmen, das vergleichsweise viel in Forschung und Entwicklung investiert – 2012 waren dies 23% unseres Umsatzes.

Ingo Rütten: Zu Ihren Produkten gehören sowohl solche für eine sehr eng begrenzte Zielgruppe, bspw. im Bereich Multiple Sklerose, als auch solche für sogenannte „Volkskrankheiten“ wie bspw. Reizdarmsyndrom. Sind das nicht völlig unterschiedliche Ansätze?

Farid Taha: Unser Ziel ist es, bei ganz unterschiedlichen Indikationen innovative Präparate zu entwickeln. Dabei sind wir ein Unternehmen, das sehr stark in die Produktentwicklung investiert, so dass wir heute in fast allen therapeutischen Segmenten eigene Lösungen anbieten können. Unser Schwerpunkt liegt dabei nicht auf Generika (Nachahmer-Produkte), sondern auf Eigenentwicklungen.

Für uns ist es ein großer Vorteil, nicht auf ein Segment festgelegt zu sein. Wenn unsere Forscher beispielsweise ein neues Molekül entdecken, so kann es sein, dass wir es als Therapie für ganz unterschiedliche Krankheiten einsetzen können. Unser Fokus: erfolgreiche, innovative Behandlungskonzepte für unsere Patienten zu entwickeln – unabhängig von einer starren Segment-Festlegung. Dadurch erschließen wir uns auch immer wieder neue Wachstumsfelder.

Ingo Rütten: Welche Rolle spielen die Aktivitäten von Almirall außerhalb von Spanien?

Farid Taha: Als 1943 in Spanien gegründetes Unternehmen waren wir lange auf den Heimatmarkt fokussiert, aber seit Anfang 2000 hat das Management konsequent die Internationalisierung vorangetrieben, so dass wir heute auch auf dem europäischen Markt eine wichtige Rolle spielen.

Das Management von Almirall hat sehr früh die Chance und Notwendigkeit einer Internationalisierungsstrategie erkannt – wahrscheinlich früher als viele andere spanische Unternehmen. Das verschafft uns heute, wo der Gesundheitsmarkt in Spanien von starken Budgetkürzungen betroffen ist, viele Vorteile. Die Internationalisierung – mit Fokus auf Europa, und in Europa mit Schwerpunkt auf Deutschland, Österreich, Schweiz – ist Teil unserer Unternehmenskultur geworden. Wir verstehen uns heute nicht nur als internationales Unternehmen, wir sind und leben es auch: Almirall ist in 14 Ländern mit eigenen Niederlassungen vertreten, in mehr als 70 Ländern der Erde sind unsere Arzneimittel über Kooperationen verfügbar. Unsere Mitarbeiter in den einzelnen Niederlassungen haben verschiedene Nationalitäten, Englisch ist die uns verbindende, gemeinsame Geschäftssprache.

Eine weitere Stärke hierbei ist: Wir sehen die anderen Länder nicht nur als Absatzmärkte, sondern als Teil unserer unternehmerischen Ressource – wir gehen Kooperationen oder Lizenzverträge mit anderen Unternehmen ein, kaufen uns Know-how dazu und haben auch eigene Forschungs- und Entwicklungszentren außerhalb Spaniens.

Ingo Rütten: Seit wann ist Almirall in Deutschland vertreten und was sind Ihre Aktivitäten auf dem deutschen und deutschsprachigen Markt?

Farid Taha: Seit 2003 sind wir hier aktiv. Zunächst haben wir Deutschland vor allem als großen Markt für unsere Präparate gesehen. Aber erst mit dem Zukauf von Hermal im Jahr 2007 als Teil unserer Wachstumsstrategie, sind wir richtig in Deutschland angekommen. Heute ist Deutschland die größte Auslandsniederlassung von Almirall. Die Forschung, Entwicklung, Produktion und Vermarktung aller dermatologischen Produkte wird von Reinbek aus gesteuert.  Und wir betreuen von Reinbek aus auch die anderen deutschsprachigen Märkte. Dafür haben wir  massiv in den Standort investiert und in den letzten Jahren in fast allen Bereichen neue Mitarbeiter eingestellt.

Ingo Rütten: Sie betreiben, außer in Reinbek, auch ein Forschungszentrum in Bad Homburg. Was sind die Vorteile von Forschungsstandorten in Deutschland gegenüber anderen Ländern?

Farid Taha: Deutschlands zentrale Lage in Europa, seine Exportstärke und die stabile Wirtschaft machen das Land für uns in vieler Hinsicht interessant. Vor allem aber ist Deutschland für seine qualifizierten Arbeitnehmer in praktisch allen Bereichen bekannt. Es gibt hier ein sehr hohes Ausbildungsniveau und besonders gut ausgebildete Ingenieure und Wissenschaftler. Gerade als innovatives, wachstumsorientiertes Unternehmen ist das für uns essentiell, denn hier haben wir die Chance sehr gute Forscher zu finden und ihnen hervorragende Arbeitsbedingungen bieten zu können.

Aber auch bei der Suche nach neuen Kooperationspartnern und der Akquise von Unternehmen ist Deutschland ideal. So benötigten wir beispielsweise 2006 für ein neues, in Spanien entwickeltes Atemwegspräparat einen Inhalator. Und wo findet man gutes Engineering? In Deutschland! So haben wir das Unternehmen Sofotec in Bad Homburg gekauft und arbeiten jetzt mit über 100 Mitarbeitern an diesem Standort an weiteren technischen Innovationen.

Ingo Rütten: Welche Erfahrungen haben Sie in Deutschland beim Vertrieb ihrer Produkte gemacht?

Farid Taha: Wir haben hier in den letzten Jahren ein starkes Vertriebsteam aufgebaut, mit hervorragenden und motivierten Mitarbeitern. Und unsere Produkte werden von den Ärzten und Kliniken sehr positiv aufgenommen.

Unsere aktuellen Herausforderungen liegen in einem anderen Bereich: Durch eine geänderte Gesetzeslage (AMNOG, Arzneimittelmarktneuordnungsgesetz) müssen wir seit 2011 in Deutschland alle unsere neuen Präparate, und zwar im Vergleich zu anderen Therapien, der frühen Nutzenbewertung unterziehen. Dieses Verfahren ist sehr aufwändig, und kostet immens viel Arbeit, Zeit und Geld. Wir haben dafür eigens die Abteilung Market Access gegründet. Diese schreibt umfangreiche Dossiers, die dann von verschiedenen offiziellen Institutionen begutachtet und bewertet werden.  Pro Präparat entstehen hierbei schnell Kosten in Höhe von einer halben Million Euro! Die vergleichbaren Verfahren in Österreich und der Schweiz gehen übrigens viel schneller und sie kosten den pharmazeutischen Unternehmer weniger.

Das AMNOG, und alles was es mit sich bringt, ist ein sehr komplexes Verfahren. Aber ich bin zuversichtlich, dass das System der frühen Nutzenbewertung, das nicht umsonst von allen Beteiligten als ein ‚lernendes‘ bezeichnet wird, mit den Jahren vereinfacht werden wird.

Ingo Rütten: Deutschland ist bekannt für seine namhaften und großen Pharmafirmen – ist es schwer sich gegen diese bekannten Marken durchzusetzen?

Farid Taha: Bei den Ärzten sind unsere Produktmarken für spezielle Indikationen bereits heute ein Begriff. So sind wir bei verschreibungspflichtigen Dermatologie-Produkten die Nummer 1 in Deutschland. Die Bekanntheit unserer Unternehmensmarke ist sicher noch ausbaufähig, aber auch hier sind wir auf einem guten Weg. Wir werden uns noch stärker als Unternehmen positionieren, das regelmäßig mit innovativen Präparaten für spezifische Indikationen auf den Markt kommt. Deshalb haben wir für die kommenden Jahre noch einige interessante Produkte in der „Pipeline“: So können wir voraussichtlich auch bereits in diesem Jahr die Zulassung für ein neues Atemwegspräparat einreichen.

Ingo Rütten: Was reizt Sie persönlich an Ihrer Arbeit als Geschäftsführer für Almirall in Deutschland?

Farid Taha: Ich bin in Deutschland aufgewachsen, war aber nach meinem Studium in England rund 20 Jahre für verschiedene Pharmaunternehmen in ganz Europa tätig. Seit zwei Jahren bin ich jetzt bei Almirall Hermal in Reinbek tätig und damit quasi wieder in meine Heimat zurückgekehrt, was mich persönlich sehr freut. Es macht mir Spaß, in einem internationalen Team für ein so innovatives Unternehmen zu arbeiten. Vor allem motiviert es mich sehr, wenn mir meine Mitarbeiter Briefe von unseren Patienten zeigen, die sich bedanken, weil sie sich dank unserer Präparate besser fühlen. Das ist ein wirklicher Antrieb, für mich persönlich und für unsere Forscher. Und letztendlich ist es so: „Wenn die Patienten mit unseren Innovationen zufrieden sind, sind wir zufrieden, denn: Unser Ziel ist die Entwicklung erfolgreicher Behandlungskonzepte, die die Lebensqualität von Patienten verbessern.“

Das Interview führte Ingo Rütten, Spanienexperte und Marketingberater. In seinem Internet-Blog www.marca-espana.eu berichtet er regelmäßig über die Aktivitäten spanischer Marken in Deutschland.

Zahlen, Daten, Fakten

  • Gegründet 1943 in Barcelona
  • In Deutschland seit 2003
  • Eigene Niederlassungen in 14 Ländern
  • Medikamente in über 70 Ländern
  • Mitarbeiter weltweit: rund 3.000

Umsatz/Einkünfte 2012 weltweit:

  • Einkünfte total: 900,2 Mio. EUR; davon:
  • Umsatz: 682,9 Mio. EUR
  • Andere Einkünfte: 217,3 Mio. EUR

 

 

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